Geboren 1958, wuchs ich in einem lange Zeit fernsehlosen Haushalt auf und hatte daher ausgiebig Gelegenheit, meine Phantasie an Selbstzusammengereimtem zu schulen. Schreiben machte mir Freude, seit ich irgendwie in der Lage war, ein paar Sätze zu einem befriedigenden Ganzen zusammenzustoppeln, und ich erinnere mich, dass schon meine ersten Schreibversuche von einiger Länge waren. Später waren meine Aufsätze der Schrecken meines Deutschlehrers, und auch die Schülerzeitung blieb nicht verschont. Nach einem Germanistikstudium machte ich Schreiben schließlich zu meinem Beruf – widersinnigerweise in einer Form, bei der man vor allem fremden Gedanken eine Sprache verleiht, als Texter in der Werbung.
Dass ich irgendwann anfing, erotische Geschichten zu schreiben, war zunächst eine Art Selbstversuch. Ich bekam von einer Bekannten zwei oder drei Geschichten zu lesen und wollte herausfinden, ob ich das auch könne – am besten so, dass es auch anderen Spaß macht. Inzwischen habe ich das Schreiben, namentlich der erotischen Literatur, zu meinem 2. Beruf gemacht. Dabei geht es mir in erster Linie ums Vergnügen. Freie, selbstbestimmte Sexualität in allen Formen. Offenheit auch gegenüber scheinbar Absonderlichem (ok, auch ich habe meine Grenzen, und bestimmte Praktiken wird man in meinen Texten vergeblich suchen).
Doch mit der Zeit hat sich noch ein zweites Motiv eingestellt. In unserer Gesellschaft fehlt ein entspanntes Verhältnis zu den passenden Ausdrücken, sobald es wirklich zur Sache geht. Es gibt diese Ebene einer Ballermannsprache voller geiler Weiber mit dicken Möpsen - vor der mir selbst graut - und es gibt die Methode der blumigen Umschreibung, aber insgesamt bleiben Schrift- wie Sprechsprache meist hilflos zwischen gewolltem Tabubruch und verschämter Vornehmheit stecken. Nach den Aufbrüchen und teilweise - grotesk untauglichen - Experimenten der 1970er und 80er scheinen wir uns im Bereich des öffentlichen Diskurses wieder rückwärts zu entwickeln. Die Medien mokieren sich US-beeinflusst heute - wieder - wie eh und je über eine nackte Brust, nur um aus dem vermeintlichen Skandalon daran mindestens soviel Honig wie aus der voyeuristischen Lust selbst zu saugen. Sexualität ist Privatsache, und "fast alles geht". Aber das hat eben auch zur Folge, dass ein breiter gesellschaftlicher Diskurs nicht (mehr) stattfindet, der allein einen weiteren Wandel in Ausdrucks- und Umgangsformen bewirken könnte. Im Gegenteil: Unter dem Vorwand eines immer weiter auszudehnenden Jugendschutzes agieren heute Moralwächter/innen auf allen Ebenen schon fast wieder so eifrig wie in längst überwunden geglaubten Zeiten. Schreiben - und reden - über Sexualität ist nicht heikel, aber es wird als solches behandelt, häufig begleitet von nervösem Kichern oder Gröhlen. Ich schreibe inzwischen auch, um zu zeigen, dass es selbst bei den deftigsten Inhalten auch ganz normal und "un-verschämt" geht.
Kein Zufall ist übrigens der Name, den ich für den Autor fand: Paul Scheerbarth ist für mich einer der interessantesten vergessenen Autoren der deutschen Literatur, ein maßloser Fantast und genialer Erzähler, der im pulsierenden Berlin der Zeit vor dem 1. Weltkrieg lebte und arbeitete. Der Name Scheerbarth ist zugleich Hommage an den großen Fantasten und Selbstermunterung zu zügelloser Erzählfreude.
Nicolas Scheerbarth